Brüssel, Miami und Ibiza – die Studios von Frank Farian lagen an klangvollen Adressen. Der gebürtige Kirner war einer der erfolgreichsten Musikproduzenten Europas, dazu Komponist, Texter und Sänger. Am 23. Januar 2024 starb er im Alter von 82 Jahren in Miami. Der Nachlass von Frank Farian wird auf rund 200 Millionen Euro geschätzt. Der größte Teil davon stammte nicht aus Auftritten, sondern aus den Rechten an Welthits, die er selbst geschrieben, eingesungen und produziert hatte.
Wie hoch ist das hinterlassene Vermögen von Frank Farian?
Wir schätzen das hinterlassene Vermögen auf rund 200 Millionen Euro. Getragen wird die Schätzung von den Urheber- und Leistungsschutzanteilen an seinen Welthits, von seinem Label MCI samt Tochterfirmen und von den Immobilien, die er zu Lebzeiten erwarb.
Entscheidend für diese Größenordnung war Farians Doppelrolle. Er war nicht nur der Produzent seiner Projekte, sondern bei einem großen Teil der Titel auch als Komponist, Texter oder Co-Autor eingetragen und damit Urheber. Urheberanteile fließen bei jeder Sendung, jedem Stream, jeder Coverversion und jeder Verwendung im Film neu, und zwar bis siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Dazu kamen die Produzenten- und Leistungsschutzanteile sowie sein eigenes Label MCI mit mehreren Tochterfirmen, über das er die Aufnahmen selbst auswertete.
Genau diese Konstruktion unterscheidet ihn von den Sängerinnen und Sängern, die vor seinen Mikrofonen standen. Wer nur singt, verdient an einer Aufnahme deutlich weniger als der, dem Komposition, Text und Master gehören. Nach Angaben seiner Familie verkaufte Farian im Lauf seiner Karriere mehr als 800 Millionen Tonträger, mehr als 800 Gold- und Platinauszeichnungen kamen zusammen. Vergleichbar verdiente in Deutschland kaum jemand, am ehesten noch Songschreiber und Produzenten wie Roland Kaiser, mit dem Farian in den siebziger Jahren an dem Titel „Skateboard“ zusammenarbeitete.
Vom Koch zum Schlagersänger
Seine erste Band nannte er Frankie Farian und die Schatten, mit ihr spielte er eine Vielzahl von Konzerten in der Heimatregion. Die erste Single „Shouting Ghost“ erschien 1964 und floppte. 1967 folgte er dem Rat des Ariola-Chefs Monti Lüftner und wechselte in den deutschen Schlager, nebenher begann er Nachwuchskünstler zu produzieren.
Der Durchbruch als Interpret gelang ihm 1976 mit „Rocky“, der deutschen Fassung eines Titels von Austin Roberts. Die Platte stand vier Wochen an der Spitze der deutschen Charts und verkaufte sich binnen weniger Wochen über eine Million Mal. Damit war das Kapital für eigene Projekte da – und Farian nutzte es sofort für Gruppen, die er selbst erfand, besetzte und beherrschte.
Ein Jahrzehnt Erfolg mit Boney M.
Ende 1974 nahm Farian „Baby Do You Wanna Bump“ auf, eine Karibiknummer mit Discobeat, die er selbst einsang. Der Titel lief an, das Fernsehen wollte die Band sehen – nur gab es keine. Farian ließ über eine Castingfirma eine Besetzung suchen, ab Februar 1976 stand sie fest: Bobby Farrell, Maizie Williams, Marcia Barrett und Liz Mitchell. Der Name der Gruppe lautete Boney M.
Es folgte ein Jahrzehnt mit Hits wie „Daddy Cool“, „Rivers of Babylon“, „Rasputin“ und „Mary’s Boy Child“. „Daddy Cool“ hielt sich zwölf Wochen an der Spitze der deutschen Charts, „Rivers of Babylon“ wurde 1978 der größte Erfolg der Gruppe und verkaufte sich weltweit millionenfach. Die Disco-Ära machte in Europa nur wenige Acts so reich, unter ihnen ABBA.
Einen Schönheitsfehler hatte das Modell von Anfang an: Frontmann Bobby Farrell sang nicht, er bewegte auf der Bühne die Lippen zu Farians eigener Stimme. 1979 landete die Gruppe einen Hit mit „El Lute“, einem Lied über den spanischen Ausbrecherkönig Eleuterio Sánchez. Farian besuchte ihn mit Boney M. im Gefängnis von Madrid und überreichte ihm eine Platinplatte, nach der Entlassung unterstützte er ihn mit 100.000 D-Mark Startgeld. Sánchez studierte später Jura und arbeitete als Rechtsanwalt.
Warum das Geld beim Urheber lag
1986 produzierte und mischte er das Meat-Loaf-Album „Blind Before I Stop“. Nach der Milli-Vanilli-Affäre baute er mit La Bouche und Le Click zwei Eurodance-Projekte auf, dazu kam die Latin-Pop-Gruppe No Mercy, deren Album „My Promise“ sich in Australien und den Niederlanden in den Top 5 platzierte. Früher hatte er bereits Eruption und die Sängerin Precious Wilson betreut.
Jedes dieser Projekte funktionierte nach demselben Prinzip: Farian schrieb oder co-schrieb, sang die Leitstimmen oder Chöre selbst ein, produzierte und veröffentlichte über eigene Firmen. Die Gesichter auf den Plattencovern wechselten, der Rechteinhaber blieb derselbe. Deshalb liefen die Einnahmen weiter, lange nachdem die Gruppen auseinandergefallen waren – ein Unterschied etwa zu Klaus Meine, dessen Vermögen an einer einzigen Band hängt. Wie stark der Urheberanteil wiegt, zeigen auch die Vermögen von Produzenten wie Pharrell Williams und will.i.am.
Milli Vanilli und der aberkannte Grammy
Ab 1988 produzierte Farian Milli Vanilli. Gesungen wurde im Studio von Session-Sängern, vor die Kameras stellte er die Tänzer Rob Pilatus und Fab Morvan. Das Album „Girl You Know It’s True“ erreichte 1989 Platz eins in den USA und in Kanada, im Februar 1990 bekam das Duo den Grammy als bester Newcomer.
Schon 1989 hatte bei einem Auftritt ein hängendes Playbackband erste Zweifel geweckt. Am 14. November 1990 bestätigte Farian öffentlich, dass andere die Stimmen geliefert hatten. Vier Tage später zog die Recording Academy den Grammy zurück, es war die erste Aberkennung in der Geschichte des Preises. In den USA gingen mindestens 26 Klagen nach dem Verbraucherschutzrecht ein; ein Vergleich, der Käufern eine Teilerstattung zusicherte, wurde 1992 gerichtlich gebilligt.
Farian selbst kam ohne strafrechtliche Folgen davon und arbeitete weiter. Die Geschichte holte ihn dennoch bis zuletzt ein: 2023 kam die Verfilmung „Girl You Know It’s True“ in die Kinos, in der Matthias Schweighöfer ihn spielte. Für den Katalog war das eher nützlich, weil solche Filme die Streamingzahlen alter Titel nach oben ziehen.
Was aus dem Nachlass und den Rechten wurde
Einen öffentlich bekannten Verkauf seines Katalogs an einen Fonds oder Major gab es zu Lebzeiten nicht. Farian behielt die Rechte in den eigenen Firmen, während andere Künstler in derselben Zeit ihre Werkkataloge zu Höchstpreisen abgaben. Das Vermögen lag damit zum Todeszeitpunkt zu einem großen Teil in laufenden Rechteerlösen und in den Firmen selbst, nicht in einem einmaligen Verkaufserlös.
Ein Testament existierte, es war nach Recherchen der „Bild“ bereits lange vor seinem Tod aufgesetzt worden. Als Begünstigte nannte es demnach seine vier Kinder Peter, Nicole, Yanina und Zoe. Peter und Nicole stammen aus der Ehe mit seiner früheren Frau Brigitte, Yanina und Zoe aus der langjährigen Beziehung mit Chinya Onyewenjo. Seine letzte Lebensgefährtin und seine langjährige Vertraute Ingrid Segieth wurden dem Bericht zufolge nicht bedacht.
Die operative Kontrolle lag schon vorher in der Familie: Tochter Nicole Reuther führte Farians Firma und verfügte über die Rechte. Damit blieb der Katalog nach dem Tod zusammen, statt unter mehreren Erben zersplittert zu werden – der wesentliche Unterschied zu Nachlässen wie dem von Prince, der ohne Testament starb, oder dem jahrelang verhandelten Erbe von Michael Jackson.
Offen blieb, was aus einem Vorhaben wurde, das Farian 2021 gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ und der dpa angekündigt hatte: eine Frank-Farian-Stiftung zur Förderung der Musik sowie gegen Rassismus und Hunger. Ein Teil des Geldes sollte in soziale Projekte fließen. Ähnliche Konstruktionen kennt man aus den Nachlässen von George Michael und Whitney Houston.
Auch die Bühnenauswertung lief weiter. Das Musical „Daddy Cool“, das am 15. August 2006 am Londoner Shaftesbury Theatre Premiere feierte und rund drei Millionen Pfund gekostet hatte, tourte danach durch mehrere Länder. Unter den deutschsprachigen Musikern, deren Werk nach dem Tod weiter Geld verdiente, ist Farian damit einer der wenigen Fälle neben Falco.
Häufige Fragen zu Frank Farian
Wie hoch war das Vermögen von Frank Farian?
Wir schätzen das hinterlassene Vermögen auf rund 200 Millionen Euro. Den größten Teil machten die Urheber- und Produzentenanteile an seinen Welthits sowie sein Label MCI samt Tochterfirmen aus, dazu kamen Immobilien.
Wann und wo starb Frank Farian?
Frank Farian starb am 23. Januar 2024 im Alter von 82 Jahren in Miami. Nach Angaben seiner Familie schlief er friedlich in seinem Apartment ein. 2022 war ihm eine Herzklappe ersetzt worden, danach verschlechterte sich sein Gesundheitszustand.
Woraus bestand das Vermögen von Frank Farian?
Aus Urheberanteilen als Komponist und Texter, aus Produzenten- und Leistungsschutzrechten, aus seinem Label MCI samt Tochterfirmen sowie aus Immobilien. Die Rechte waren der größte Posten, weil sie bei jeder Nutzung erneut Geld einbrachten.
Wer erbte das Vermögen von Frank Farian?
Nach Berichten der „Bild“ nannte das Testament seine vier Kinder Peter, Nicole, Yanina und Zoe als Begünstigte. Tochter Nicole Reuther führte die Firma und verfügte über die Rechte.
Warum wurde Milli Vanilli der Grammy aberkannt?
Weil Rob Pilatus und Fab Morvan die Lieder nie selbst gesungen hatten. Am 14. November 1990 bestätigte Farian den Schwindel, wenige Tage später zog die Recording Academy den Grammy als bester Newcomer zurück.
Verdiente Frank Farian an Boney M. mehr als die Sänger?
Ja. Farian schrieb oder co-schrieb die Titel, sang Leitstimmen und Chöre selbst ein, produzierte und wertete über eigene Firmen aus. Die Bandmitglieder erhielten Interpretenhonorare, die Urheber- und Masterrechte blieben bei ihm.
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Natraj [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons